Kunst ist nicht gleich Kunst
Graffiti sind Kunst. Graffiti sind Schmierereien. Graffiti sind Architektur. Graffiti sind Sachbeschädigung. Es gibt so viele Meinungen und Auffassungen zu dem Phänomen, das sich künstlerisch immer irgendwo zwischen Keith Haring und vielleicht dem unbekannten Künstler von Gegenüber bewegt – wer will sagen, was da gut und was schlecht ist! Aber was kann man tun, wenn man gar keine Graffiti auf der Fassade seines Hauses haben will?
Vorbeugend planen?
Mittlerweile muss eigentlich an allen Standorten mit Graffiti gerechnet werden, so dass man sowohl als Bauherr, als Architekt und auch als Baufirma nicht darum kommt, sich Gedanken über vorbeugende Maßnahmen gegen illegale Graffiti zu machen.
Erste Überlegungen können bereits in der Entwurfsphase gemacht werden: kann das Haus so geplant werden, dass Sprayer nicht an das Bauwerk herankommen (Zäune, Landschaftsgestaltung)? Ist eventuell eine durch Beleuchtung und / oder Videoüberwachung mögliche Prävention erlaubt, ist sie vom Aufwand her vertretbar? Können Graffiti-gefährdete Stellen mit Materialien verkleidet werden, die für illegale Graffitikunst nicht so attraktiv und damit weniger anfällig sind bzw. leichter gereinigt werden können (z.B. Edelstahl)? Kann an den Problemzonen eventuell eine Begrünung (Rankgitter mit Wein o. ä.) vorgesehen werden, die ebenfalls Graffiti verhindernd wirkt? Last not least: wenn sich in das architektonische Konzept Flächen für legale Graffitikunst einplanen lassen, also sozusagen „kontrollierte“ Graffiti-Zonen geplant werden, dann kann damit das „wilde“ Sprühen möglicherweise ebenfalls verhindert werden.
Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass – außer der „Begrünungs-Methode“ – keine der erwähnten vorbeugenden Maßnahmen durch Planen tatsächlich den gewünschten Erfolg hat: gerade die am schwierigsten zu erreichenden Stellen sind für illegalen Graffiti auch gleichzeitig die attraktivsten. Die „Licht & Videoüberwachung“ -Methode setzt in der „Scene“ „ebenfalls erst den Kick“, die Farbenindustrie hat auch für glatte Materialien („Edelstahl“) gut haftende und schnell trocknende Produkte im Angebot, und meist finden sich zudem neben den Metallflächen auch wieder genug freie Stein-, Putz und Betonoberflächen; auch ist gerade im Sockelbereich von Gebäuden die Verwendung von Metalloberflächen für die Passanten, die gerade dort ja dem Gebäude am nächsten sind, nicht immer besonders angenehm. Und die „kontrolliert angelegten Graffiti-Kunst-Flächen“ fordern im Gegenzug eine entsprechend darauf reagierende Architektursprache für das „restliche Gebäude“, die vom Architekten viel Überzeugungsleistung und vom Bauherrn hohe Abstraktion verlangt; auch wird es auf solchen Flächen garantiert nicht bei den einmalig angelegten Motiven bleiben – es muss immer mit übermalenden „Graffiti-Gegendarstellungen“ gerechnet werden, die im Verlauf der Zeit graphisch nicht unbedingt kontrollierbar bleibt.

Permanente Beschichtung. Veränderung der Optik des Sichtbetons Gut geschützt, das neue Eingangsgebäude des Staatstheaters Darmstadt
Nichts tun
… und Schulter zuckend hinnehmen - leider immer noch eine weit verbreitete und übliche Haltung. Problem dabei: die von den Graffitikünstlern verwendeten Farben dringen mehr oder weniger tief in die Fassadenoberfläche ein, und sie reagieren – auch zeitabhängig - meist in chemisch sehr komplexer Weise mit den Fassadenmaterialien (auf gar keinen Fall lange mit der Beseitigung warten - je länger die Farben einwirken, desto schwieriger sind sie zu entfernen!). Wenn dann die ungewünschten Graffiti mit chemischen oder abrasiven Methoden entfernt wurden, ist in den allermeisten Fällen zumindest eine farbliche Behandlung der gereinigten Stellen in Anpassung an die restliche Farbgebung fällig, was wiederum meistens sehr diffizil ist und wegen unbefriedigenden Ergebnissen nicht selten in anschließenden Komplettbehandlungen (Ganzanstrich!) der Fassaden endet.
Auch der leichte Abtrag der obersten Schichten der Oberflächenstruktur (Sand- oder Wasserstrahlen), speziell bei Putz- und Natursteinoberflächen, fordert früher oder später ganzheitliche Lösungen, die natürlich dann kostenintensiv sind; reine Trockenstrahlverfahren, bei denen Strahlgut mit elastischen Eigenschaften und feinstem Korn verwirbelt und mit wenig Druck verhältnismäßig sanft aus verschiedenen Richtungen gegen die Graffiti eingesetzt wird, gehen mit den Oberflächen schonender um.
Vorbeugend behandeln
Das Entfernen von unerwünschten Graffiti ist immer eine absolut problematische Angelegenheit. Eine vorbeugenden Behandlung mit so genannten Anti-Graffiti-Systemen erzeugt prinzipiell eine Schutzschicht, vor der die aufgetragenen Farben leichter entfernt werden können - Anti-Graffiti-Schutzsysteme werden deshalb auch als Trennschichtbildner („TRB“) bezeichnet.
Sie weisen meist Zusammensetzungen aus mehreren Komponenten auf (selten auch nur ein Stoff in gelöster oder dispergierter Form) und bedecken die Fassadenoberfläche oder dringen in sie ein.
Beim Trocknen (oder Aushärten) an Oberfläche oder in den Poren des Fassadenmaterials bilden sich wasser- und ölabweisende und / oder quellfähige dünne Schichten, die die Haftung der Farben am Fassadenmaterial verschlechtern oder ganz verhindern.
Man unterscheidet prinzipiell in drei unterschiedliche Systeme: temporäre, semipermanente und permanente Systeme. Nicht alle dieser drei Systeme können für jede Fassadenoberfläche gewählt werden – da sie jedoch alle für die weit verbreiteten Sichtbetonoberflächen geeignet sind, sollen sie im Folgenden beschrieben werden.
Temporäre Systeme
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| Vereinfachte (stark vergrößerte) Darstellung eines Fassadenmaterials (Ausschnitt) mit ungeschützter Oberfläche. |
Die temporären Systeme basieren auf Acrylaten, metallvernetzten Acrylaten, Biopolymeren oder wachsartigen Verbindungen und werden mehrmalig aufgetragen; der Materialverbrauch ist von der Porosität der Fassadenoberfläche abhängig. Die Beseitigung einer ungewollten Graffiti wird im vom Hersteller angegebenen Reinigungsverfahren durchgeführt, die Beschichtung muss danach vollständig erneuert werden. Die Reinigung erfolgt im Normalfall mit Wasser; falls der Schutz langer oder starker Bewitterung ausgesetzt war, kann es sein, dass zusätzlich chemische Entferner gewählt werden müssen.
Die temporären Systeme können optische Veränderungen (z.B. etwas intensivere Farbwirkung oder leichte Tönungen) der Fassadenoberfläche bewirken. In der Regel sind diese vom Fassadenmaterial selbst abhängigen Veränderungen kaum wahrnehmbar, doch empfiehlt es sich, eine Bemusterung durchzuführen.
Die Wasserdampfdurchlässigkeit dieser Systeme ist generell als gut zu bezeichnen, so dass aus bauphysikalischer Sicht keine Probleme zu erwarten sind; nach mehrfacher Beschichtungserneuerung ist sie bei einigen Produkten ggf. reduziert (Hersteller abfragen!).
Temporäre Systeme sind nach gegenwärtigen Erkenntnissen für ca. 2 Jahre wirksam, danach müssen sie erneuert werden. Gegenüber den beiden anderen genannten Schutzsystemen sind sie insofern aufwendiger, doch ihre gute Reversibiliät empfiehlt sie so für Architekturen mit sensiblen Fassadenoberflächen, also z.B. im Bereich von Architekturen, die sehr im öffentlichen Blickfeld stehen oder auch im Bereich des Denkmalschutzes.
Semipermanente Systeme
Semipermanente Systeme bestehen aus einem prinzipiell zweischichtig wirksamen Aufbau der Schutzschicht (Trägerschicht und „Opferschicht“). Sie basieren üblicherweise auf Siloxan- / Wachsmischungen, Acrylaten oder aus fluorhaltigen Impregnaten. Ein Teil der Beschichtung bleibt nach Entfernung nicht gewünschter Graffiti auf dem Bauwerk zurück; diese Beschichtung muss also danach ergänzt resp. im Fall der weggewaschenen „Opferschicht“ neu aufgetragen werden.
Aufgrund der chemischen Zusammensetzung kann es – auch in Abhängigkeit vom gewählten Fabrikat - nach mehrfacher Ergänzung / Erneuerung der Schutzschicht zu einer Beeinträchtigung der Wasserdampfdurchlässigkeit kommen – hier sollte also die bauphysikalische Stabilität unbedingt vorher mit dem Hersteller diskutiert werden.
Die farbliche Auswirkung der Schutzbeschichtung auf die Fassadenoberfläche wird ebenso wie bei den temporären System sehr wahrscheinlich kaum erkennbar sein – aber auch hier gilt: besser eine Bemusterung durchführen. Die „Rücknehmbarkeit“, also die Reversibilität der Beschichtung ist bei den meisten Produkten gegeben.
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| Graffitiauftrag bei ungeschützer Oberfläche des Fassadenmaterials Li oben Vereinfachte transparente Darstellung eines Fassadenmaterials (Ausschnitt) mit ungeschützter Oberfläche Re oben Ungeschützte Oberfäche nach Graffitiauftrag (rot): Farbe verbindet sich in der Tiefe mit dem Fassadenmaterial. Li unten Oberste Lackschicht nicht abrasiv entfernt, obere Fassadenmaterialschicht noch vom Lack angegriffen. Re unten Obere Fassadenmaterialschicht abrasiv entfernt, Oberfläche wieder sauber und ungeschützt, aber Angriff der eigentlichen Materialoberfläche des Fassadenmaterials Quelle: alle Bilder Werksgrafiken HEBAU GmbH, Sonthofen |
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| Graffitiauftrag bei prinzipiell einschichtigem Schutz der Oberfläche des Fassadenmaterials (temporär) Li oben Vereinfachte transparente Darstellung eines Fassadenmaterials (Ausschnitt) mit ungeschützter Oberfläche Re oben Oberfläche nach Auftrag der Schutzschicht (blau); diese verbindet sich in der Tiefe mit dem Fassadenmaterial. Li mittig Graffitiauftrag (rot). Graffiti verbindet sich nicht mit dem Fassadenmaterial. Re mittig Graffitiauftrag gem. Herstellerangaben abgewaschen / nicht abrasiv entfernt, Li unten Schutzschicht erneuert.. Oberfläche wieder sauber und geschützt. Bei temporären Systemen muss die Schutzschicht nach Graffitientfernung sowie in regelmäßigen Abständen erneuert werden. Quelle: alle Bilder Werksgrafiken HEBAU GmbH, Sonthofen |
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Permanente Systeme
Permanente Schutzbeschichtungen haben meist eine deutliche Auswirkung auf die Erscheinung der Farbigkeit der Fassadenoberflächen (Intensivierung der Farbwirkung, Glanz, teilweise wurde auch Vergilbung beobachtet) und sollten unbedingt im Rahmen der Planung resp. im Vorversuch bemustert werden, da unter diesem Effekt das Gesamterscheinungsbild der Architektur entscheidend leiden kann.
Die meistens nicht mehr zurücknehmbaren Beschichtungen basieren auf Zweikomponenten-PU, vernetzten Siloxanen oder flourhaltigen Imprägnaten und verringern die Wasserdampfdurchlässigkeit entscheidend. Auch sind permanente Systeme empfindlich gegen Feuchtigkeit im Fassadenmaterial. Es sollten hier auf jeden Fall bauphysikalische Betrachtungen durchgeführt werden, um späteren „Überraschungen“ zu entgehen.
Permanente Systeme werden von den chemischen Bestandteilen der im Reinigungsfall verwendeten Mittel (auch Lösungsmitteln!) nicht angegriffen, sind witterungsbeständig und bleiben auch nach vielen Graffiti-Reinigungen noch wirksam, sie verhalten sich also wie ein „Dauerschutzlack“. Erwähnt werden muss, dass bei PU-haltigen Beschichtungen im Brandfall giftige Zyanverbindungen entstehen können.
Als Sonderfall permanenter Schutzschichten können spezielle Farblacke angesehen werden, die auf bereits verschmierte Wände aufgetragen werden: zunächst als Grundierung, dann mit zweitem Überstreichen zur Neutralisation und abschließendem Auftragen des Lacks im Farbton nach Wunsch. Zukünftige Graffiti können von dieser Oberfläche mit herkömmlichen Reinigungsmitteln entfernt werden. Neben den jeweils zu prüfenden bauphysikalischen und Brandschutzeigenschaften soll erwähnt werden, dass sich durch das Lackieren von Fassadenflächen die optische Gesamterscheinung der Architektur wesentlich verändert: Porigkeit und Oberflächenstruktur werden mehr oder weniger „weg gestrichen“, die Wirkung des eigentlichen Fassadenmaterials tritt zurück und die der Farboberfläche selbst in den Vordergrund.
Einsatz
Die Einsetzbarkeit der drei Systeme lässt sich – die Betrachtung und Berücksichtigung der bauphysikalischen Bedingungen sowie die Zulässigkeit von Ausnahmen vorausgesetzt – kategorisieren.
Empfindliche, „erhaltenswert - volle“ Fassadenoberflächen werden eher mit den nahezu unsichtbaren und reversiblen, aber wartungsintensiven temporären Systemen, die die Oberflächen der Fassade und damit die Wirkung des Erscheinungsbildes der Architektur nicht beeinträchtigen, geschützt werden (z.B. denkmalgeschützte Architekturen, Architekturen mit sehr sensiblem Gesamterscheinungsbild).
„Robuste“ Neuplanungen dagegen, also Architekturen, bei denen bereits während der Entwurfs- und Ausschreibungsphase mit den „Farbeffekten“ eines Anti-Graffiti-Schutzes geplant und umgegangen werden kann, sind wahrscheinlich insgesamt sinnvoller mit den permanenten Systemen vor Graffiti schützbar.
Eine Entscheidung, mit welchem System des Fassade gegen unerwünschte Graffiti geschützt werden soll, ist jedoch immer vom jeweiligen Einzelfall abhängig.
Zu Sichtbetonoberflächen und deren Behandlungsmöglichkeiten finden Sie eine umfangreiche Informationsbasis im Beton-Portal www.beton.org.